2020-06-16

Die Faszienierende Welt von Faszien

Zum ersten Mal erwähnte 1902 der Begründer der Osteopathie, Andrew Tayler Still, den Begriff Faszien. In Vergessenheit geraten und lange unterschätz, ist nun ein richtiger Hyp um sie entstanden.
Faszien sind im Deutschen das Bindegewebe. Der Name sagt es schon: Ein Gewebe, dass alles verbindet. Als Netz spannen sie sich durch den ganzen Körper. Die Organe werden von den Faszien gehalten und strukturiert. Die Muskeln werden von den Faszien umschlossen und auch Gelenkkapseln, Bänder und Sehnen sind elastisch und aus kollagenem Bindegewebe und somit den Faszien zugehörig. Die Faszien sind aktive, formende und haltende Strukturen. Sie stützen Mensch und Tier ohne Muskelenergie zu verbrauchen.
Genauso wie bei den Menschen gibt es Pferde, die von Natur aus sehr beweglich sind und welche die sehr fest sind. Die Menschen und Tiere, die sehr beweglich sind, werden dem Schlangentyp zugeordnet. Sie haben ein schwaches Bindegewebe. Auf der anderen Seite die unbeweglichen Typen, die Wikinger. Dieser zweite Typus hat sehr viel Faszienspannung. 
 
Im Jahre 1998 fanden Forscher bei Kängurus heraus, dass diese höher springen können, als es ihre reine Muskelkraft zulässt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass in den Sehnen Energie gespeichert wird. Wenn die Sehnen unter Spannung stehen, z.B. beim Durchtreten der Fessel, fungieren sie wie eine auseinander gezogene Feder. Wird diese gespeicherte Energie frei, federt die Sehne elastisch zurück. Das Bein kann ohne verbrauchende Energie angehoben werden. Dieser Prozess wird auch als Katapult- Effekt bezeichnet. Je schneller sich das Pferd bewegt, um so stärker wird der Katapult-Effekt -  ideal für ein Fluchttier um schnell zu flüchten.
Pferde stehen 23 Stunden am Tag. 16 Stunden davon befinden sie sich auf Nahrungssuche. Um so lange stehen und gehen zu können, haben die Pferde das Nackenrrückenband. Dieses Band setzt am Schädel an und geht unterhalb des Mähnenkamms entlang. Hier nennt man es das Nackenband. Am Widerrist geht es in das Rückenband über und führt über die Dornfortsätze der Brust und Lendenwirbelsäule bis zum Schweifansatz.
Wenn das Pferd den Kopf nach vorne unten nimmt, wird dieser ohne Muskelkraft vom Nackenrückenband gehalten. Automatisch kommt der Rücken hoch und die Gelenke öffnen sich. Setzt das Pferd nun ein Bein nach vorne, verlagert es den Schwerpunkt nach vorne und rollt dadurch seinem Schwerpunkt hinterher. So bewegt es sich über Stunden ohne Muskelkraft fort.
So erklärt sich, warum wir die Pferde in Dehnungshaltung vorwärts - abwärts arbeiten.
Zudem kann das Pferd im Stehen seine Kniescheibe verriegeln. So kann das Knie nicht mehr nach vorne wegdrücken und die Muskeln können sich ausruhen.
   
Wie trainiert man Faszien?
Faszien sind träge. Sie brauchen im Vergleich zu Muskeln deutlich länger um auftrainiert zu werden. Zudem brauchen Faszien Zeit zu reifen. In dieser Zeit sind sie empfindlicher und nicht so  belastungsfähig. Denn nicht alle Sehnen sind von Geburt an sehnig.
An den Gliedmaßen befinden sich Muskeln, die im Laufe der Jahre zu Sehnen zu werden. Vier Jahre dauert der Prozess bis die Muskelfasern komplett sehnig werden. In dieser Zeit sind die Sehnen noch nicht belastbar. Nach Beendigung des vierten Lebensjahres sind die Faszien gereift, allerdings noch nicht stabil. Sie benötigen noch einmal zwei Jahre adäquates Faszientraining, bis sie vollständig stabil sind. Wird zu früh ein zu belastendes Training betrieben, steigt die Wahrscheinlichkeit späterer Sehnenprobleme. Jungpferde sind demnach erst mit Vollendung des 6. Lebensjahres vollends belastbar. Nach Verletzung oder nach längerer Pause ist es immer sinnvoll, zuerst die Faszien wieder zu trainieren, bevor man mit dem Muskeltraining beginnt.

Für einen sichtbaren Erfolg im Faszientraining, werden bis zu vier Monate benötigt. Faszien brauchen nicht nur länger um sich auf zu trainieren, sie brauchen auch länger um sich nach einem Training zu regenerieren. Um Muskeln zu trainieren, ist es sinnvoll den nächsten Muskelreiz nach 48 Stunden zu setzten. Bei Faszien ist es sinnvoll, erst nach 72 Stunden dieses zu tun. 
Muskeln werden angesprochen durch Übergänge und Tempiwechsel. Faszien hingegen sprechen auf taktreine und gleichmäßige Bewegungen an.
So werden die Dauermethoden (einheitliche Tempi, kaum Übergänge) Schritt und Trab gewählt, um ein stabiles Fasziengeflecht aufzubauen. Um die Faszien nicht zu irritieren, wird ohne Equipment auf dem Rücken gearbeitet. Gerade die lange “Rückenfascie”, die auf beiden Seiten der Wirbelsäule entlang des Rückens verläuft und diesen stabilisiert, wird vom Equipment immer manipuliert. Durch zu starken Druck wird die Faszie insuffizient und kann nicht mehr adäquat arbeiten. Ursachen sind ein unpassender Sattel, ein zu langes und oder unpassendes Kopfeisen oder ein zu schwerer oder schlecht ausbalancierter Reiter. Die Folgen sind ein fester, unelastischer Rücken. Dies kann einen Senkrücken bedingen oder unwillige Pferde bis hin zur Unrittigkeit hervorrufen.   
Trainiert wird demnach an der Longe, mit Kappzaum, Knotenhalfter etc., sowie ohne Equipment auf dem Rücken und in Dehnungshaltung vorwärts abwärts. So werden die Faszien gestärkt und dadurch wiederum  passiv die Muskeln. Wenn das Reitergewicht dazu kommt, wird zunächst auch in Dehnungshaltung gearbeitet, um die Faszien an das zusätzliche Gewicht zu gewöhnen und zu stärken. Sind sie gefestigt, geht man dann in die Muskelarbeit. Dabei ist immer daarauf zu achten - sowohl im Stehen als auch in der Dehnung - Erholungsphasen einzubauen. 

Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern! Konfuzius

Zeit und Geduld sind die Mittel der Wahl, um die Gesundheit des Pferdes bis ins hohe Alter zu erhalten.

Freya Jahn - 14:12:40 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen